Computerreparatur, Variante unerwartet

An einem Sonntagnachmittag mitten im Sommer 2001 kam ich vom Basketballspielen in der Schreinerstraße in Berlin-Friedrichshain zurück. Auf einmal stand eine ältere Dame vor mir und sprach mich an: „Entschuldigen Sie, kennen Sie sich mit Computern aus?“ Ich sah an mir herunter: alte Spielershorts und ein ausgeblichenes T-Shirt, durchgeschwitzt und erschöpft. Ja, genau so jemanden spricht man mit dieser Frage auf der Straße an. Ich nickte. „Mein Mann und ich müssen dringend am Computer arbeiten, aber der ist irgendwie kaputt und wir wissen nicht, was wir tun sollen.“ Ob ich mit in die Wohnung kommen und einen Blick auf den Rechner werfen könne. Kurz dachte ich die möglichen Szenarien durch, von einsamer Dame mit Kommunikationsdefizit bis perfidem Entführungsplan ging mir einiges durch den Kopf. Ich entschied mich für die Vertrauensvariante und betrat das Haus.

Die Wohnung lag im Dachgeschoss, klein, hübsch und mit viel Liebe eingerichtet, mit altem Gebälk, bodenhohem Fenster mit tollem Blick auf den Kirchturm in der Bänschstraße. Irgendwo in einer Ecke, fast so, als wollten sie ihn verstecken, ein winziger Tisch mit Tastatur und Bildschirm, darunter der Quell des Ärgers.

Während ich mir einen Überblick verschaffte, erzählten mir die beiden ein bißchen aus ihrem Leben. Leider habe ich das meiste vergessen. Hängengeblieben ist nur: Sie waren ein Künstlerehepaar, er Bühnenregisseur, sie Theaterautorin, mit durchaus bewegtem Leben, sehr freundlich und dankbar.

Der Rechner war elendig langsam, allein das Öffnen des Windows Explorers dauerte eine Ewigkeit. Die dringende Computerarbeit war das Schreiben eines Theaterstücks in Word, das Starten des Programms nahm zwei Minuten kostbarer Lebenszeit in Anspruch.

Ob ich etwas trinken möchte. Ein Glas Wasser, vielen Dank.

Beim Speichern eines kleinen Dokuments kam die Fehlermeldung, dass kein Speicherplatz auf dem Rechner verfügbar war. Oha.

Sie hatten eine erwachsene Tochter, die aus Berlin weggezogen war.

Die Kiste hatte vermutlich einen Virus. Der Internetzugriff für die Fehlersuche führte statt zu Google zu einer Seite mit fragwürdigen Konsumofferten, im Hintergrund liefen Dutzende Prozesse, von denen ich noch nie gehört hatte, und die den Prozessor ständig zu fast 100 Prozent auslasteten.

Nach einer halben Stunde war klar, dass hier mit Fehlerbehebung nicht viel auszurichten war, nur eine Neuinstallation konnte Abhilfe schaffen. Das wäre aber an diesem Abend nicht mehr zu schaffen. Also tauschten wir die Telefonnummern aus und ich verabschiedete mich. Eine freundlich gemeinte Aufwandsentschädigung lehnte ich ebenso freundlich ab, ich hatte ja überhaupt nichts gemacht.

Wir verabredeten uns am nächsten Tag zum Reanimationstermin. Frisch geduscht (jaha!), mit deutlich vertrauenserweckenderen Klamotten und einer Handvoll Windowstools auf einem USB-Stick stand ich vor der Tür. Die Neuinstallation von Windows ist eigentlich unglaublich langweilig und verdient keine weitere Erwähnung. Doch ich bekam Tee und Kekse und sehr nette Gesellschaft, es waren wie gesagt sehr freundliche und aufgeschlossene ältere Leute, die mit mir auch einen interessierten Gesprächspartner hatten. Ich glaube es war die unterhaltsamste Windows-Installation, die ich je gemacht habe. Zu schade, dass ich mich an Gesprächsdetails kaum noch erinnern kann. Was wohl aus ihnen geworden ist?

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