Archiv für den Monat: April 2015

Tipps für die moderne Küche – die Kräuterschere

Kraeuterschere_small Eines der wichtigsten Utensilien, das heute in keiner Küche fehlen darf, ist die Kräuterschere. Für sieben Blättchen Basilikum das Wiegemesser samt Brett hervorwühlen und später auch noch reinigen? In Zukunft ist das nicht mehr nötig. Gleichmäßigere Streifen bekommt man mit keinem anderen Werkzeug hin. Das braucht ihr gar nicht probieren. Nicht zu vergessen die einfache Bedienung, auch fortgeschrittene Kräuterschnitt-Techniken wie der doppelte Halbanriss oder der lange vergessen geglaubte Schrägblattschnitt gehen nach kurzer Eingewöhnung flüssig von der Hand. Alternativ findet das Werkzeug Verwendung zur Weihnachts- oder Faschingszeit, Reinigungskamm_smallbei der Herstellung von stimmungsvollem Lametta oder lustigen Konfettistreifen. Warum ich es noch nie beim Friseur im Einsatz gesehen habe, ist mir ein Rätsel.
Nicht ganz zuende gedacht scheint mir allerdings die Idee mit dem Reinigungskamm. Zwar kann man damit sehr gut kleine Kräuterschnipsel aus den Zwischenräumen der Kräuterschere entfernen. Doch wie befreit man diesen Kamm von solchen Überbleibseln? Da wäre eine Kräuterscherenreinigungskammrestebürste ein praktisches Zubehörteil. Wahrscheinlich muss man das aber extra bestellen.

Computerreparatur, Variante unerwartet

An einem Sonntagnachmittag mitten im Sommer 2001 kam ich vom Basketballspielen in der Schreinerstraße in Berlin-Friedrichshain zurück. Auf einmal stand eine ältere Dame vor mir und sprach mich an: „Entschuldigen Sie, kennen Sie sich mit Computern aus?“ Ich sah an mir herunter: alte Spielershorts und ein ausgeblichenes T-Shirt, durchgeschwitzt und erschöpft. Ja, genau so jemanden spricht man mit dieser Frage auf der Straße an. Ich nickte. „Mein Mann und ich müssen dringend am Computer arbeiten, aber der ist irgendwie kaputt und wir wissen nicht, was wir tun sollen.“ Ob ich mit in die Wohnung kommen und einen Blick auf den Rechner werfen könne. Kurz dachte ich die möglichen Szenarien durch, von einsamer Dame mit Kommunikationsdefizit bis perfidem Entführungsplan ging mir einiges durch den Kopf. Ich entschied mich für die Vertrauensvariante und betrat das Haus.

Die Wohnung lag im Dachgeschoss, klein, hübsch und mit viel Liebe eingerichtet, mit altem Gebälk, bodenhohem Fenster mit tollem Blick auf den Kirchturm in der Bänschstraße. Irgendwo in einer Ecke, fast so, als wollten sie ihn verstecken, ein winziger Tisch mit Tastatur und Bildschirm, darunter der Quell des Ärgers.

Während ich mir einen Überblick verschaffte, erzählten mir die beiden ein bißchen aus ihrem Leben. Leider habe ich das meiste vergessen. Hängengeblieben ist nur: Sie waren ein Künstlerehepaar, er Bühnenregisseur, sie Theaterautorin, mit durchaus bewegtem Leben, sehr freundlich und dankbar.

Der Rechner war elendig langsam, allein das Öffnen des Windows Explorers dauerte eine Ewigkeit. Die dringende Computerarbeit war das Schreiben eines Theaterstücks in Word, das Starten des Programms nahm zwei Minuten kostbarer Lebenszeit in Anspruch.

Ob ich etwas trinken möchte. Ein Glas Wasser, vielen Dank.

Beim Speichern eines kleinen Dokuments kam die Fehlermeldung, dass kein Speicherplatz auf dem Rechner verfügbar war. Oha.

Sie hatten eine erwachsene Tochter, die aus Berlin weggezogen war.

Die Kiste hatte vermutlich einen Virus. Der Internetzugriff für die Fehlersuche führte statt zu Google zu einer Seite mit fragwürdigen Konsumofferten, im Hintergrund liefen Dutzende Prozesse, von denen ich noch nie gehört hatte, und die den Prozessor ständig zu fast 100 Prozent auslasteten.

Nach einer halben Stunde war klar, dass hier mit Fehlerbehebung nicht viel auszurichten war, nur eine Neuinstallation konnte Abhilfe schaffen. Das wäre aber an diesem Abend nicht mehr zu schaffen. Also tauschten wir die Telefonnummern aus und ich verabschiedete mich. Eine freundlich gemeinte Aufwandsentschädigung lehnte ich ebenso freundlich ab, ich hatte ja überhaupt nichts gemacht.

Wir verabredeten uns am nächsten Tag zum Reanimationstermin. Frisch geduscht (jaha!), mit deutlich vertrauenserweckenderen Klamotten und einer Handvoll Windowstools auf einem USB-Stick stand ich vor der Tür. Die Neuinstallation von Windows ist eigentlich unglaublich langweilig und verdient keine weitere Erwähnung. Doch ich bekam Tee und Kekse und sehr nette Gesellschaft, es waren wie gesagt sehr freundliche und aufgeschlossene ältere Leute, die mit mir auch einen interessierten Gesprächspartner hatten. Ich glaube es war die unterhaltsamste Windows-Installation, die ich je gemacht habe. Zu schade, dass ich mich an Gesprächsdetails kaum noch erinnern kann. Was wohl aus ihnen geworden ist?

Meine Redewendung der Woche

In einem englischen Buch las ich gerade die Redewendung

„Hindsight is always 20/20“.

Es bezog sich auf die Ursachen für den Fehlschlag eines Softwareprojekts. Frei ins Deutsche übertragen bedeutet es „Hinterher ist man immer schlauer“. Ich war allerdings am tatsächlichen Ursprung interessiert und wurde auch schnell fündig: Das Ergebnis eines Sehtest wird mit einer Quote X/20 angegeben, 18/20 bedeutet ziemlich gute Sehstärke, bei 12/20 sollte man sich wohl mit einer Brille anfreunden. Hindsight, also die „Rück-Sicht“, ist hingegen immer perfekt. Eine tolle Metapher.

Entscheidungen

Neulich war ich mit Freunden vor dem Kino essen und wurde wieder mal Zeuge eines Schauspiels, wie es wohl jeder schon erlebt (oder sogar selbst veranstaltet) hat: Zwei Menschen in einem für sie neuen Restaurant blicken in die Karte und versuchen sich für eine Abendmahlzeit zu entscheiden. Das ist eine hochkomplizierte Angelegenheit, es müssen viele Faktoren bedacht werden:

  1. wie groß ist mein Hunger/ Appetit und welche Gerichte fallen aufgrund der Portionsgröße in die bzw. aus der engeren Wahl
  2. wovon verspreche ich mir große Gaumenfreuden

So weit, so gut. Doch jetzt geht es erst los:

  1. was bestellen die anderen, dasselbe Gericht zu bestellen ist ein No-Go
  2. was hatte ich vor Kurzem und darf ich deshalb auf keinen Fall essen (auch wenn ich es gern esse)
  3. worauf hat mein(e) Partner(in) zwar Appetit, möchte es aber nicht bestellen, sondern nur von mir probieren
  4. worauf habe ich gerade WIRKLICH Lust (intensives In-sich-hineinhorchen)
  5. wann kommt  der Kellner wieder (kurz davor muss ich auf jeden Fall nochmal neu überlegen)

Das selbständige Treffen von Entscheidungen ist eine Aufgabe, die uns fast das ganze Leben lang begleitet: Möchte ich lieber mit dem roten Auto spielen oder mit dem blauen? Finde ich Spinat lecker oder doof? Höre ich dem Lehrer zu oder schreibe lieber Zettel mit dem Banknachbarn? Welchen Berufsweg schlage ich ein? Bleibe ich bei dem sicheren Arbeitsplatz, der mich nicht zufriedenstellt oder wage ich einen vielversprechenden, aber mühsamen neuen Weg? Ziehe ich die schwarze Hose an oder die blaue? Kaufe ich ein Auto und wenn ja, welches?

Es gibt passive und aktive Möglichkeiten, mit diesen Aufgaben umzugehen. Der einfachste Fall ist natürlich, wenn andere die Entscheidung für mich treffen. Sehr hilfreich, wenn ich selbst (z.B. aufgrund von fehlendem Wissen oder Erfahrung) nicht dazu in der Lage bin, eine qualifizierte Wahl zu treffen. Ich halte es für erstrebenswert, die Anzahl solcher Situationen nach und nach zu reduzieren.

Ich kann die Entscheidung auch bewusst jemand anderem überlassen. Das ist unter manchen Umständen sehr verantwortungsvoll, wenn ich der Meinung bin, derjenige kann die Auswahl besser treffen als ich selbst (Gründe dafür siehe oben). Ich möchte jedoch niemanden aus Bequemlichkeit mit Nebensächlichkeiten beschäftigen. Es ist natürlich leichter, die Verantwortung für eine eventuell falsche Wahl von mir zu weisen. Ein unschöner Nebeneffekt ist, dass mir die Beweggründe für die Wahl vielleicht verborgen bleiben und ich bei der nächsten, ähnlichen Situation wieder vor demselben Problem stehe.

Ich kann warten, bis eine Option von selbst verschwindet oder sich plötzlich starke Argumente für eine Variante ergeben, die mir die Wahl erleichtern. Leider bleibt hier nicht unbedingt immer die beste aller ursprünglichen Optionen übrig, und ich muss vielleicht vergebenen Möglichkeiten nachtrauern.

Ich kann auch das Für und Wider jeder Option bestimmen und dann basierend auf mehr oder weniger rationalen Kriterien meine Wahl treffen. Hierfür gibt es verschiedene Methoden unterschiedlicher Komplexität. Beliebt ist das Befragen von Experten (Familie, Freunde, Verkäufer), die, so sei es unterstellt, fundierte Meinungen oder Standpunkte zu der Frage haben, die ich dann meinem eigenen gegenüberstellen und bewerten kann.  Nicht zu unterschätzen ist das eigene Bauchgefühl, allerdings neigt zumindest mein Bauch zu eher undeutlichen Äußerungen, daher nutze ich es meist zur Verifikation einer Auswahltendenz. Vor allem im beruflichen Umfeld finden z.B. die SWOT-Analyse, Scoringverfahren (auch Nutzwertanalyse oder Entscheidungsmatrix), PMI (Plus-Minus-Interest), CAF (Consider-All-Facts) usw. Anwendung.

Eine Hürde bei solchen Techniken ist, die zur Entscheidungsfindung relevanten Faktoren (und zwar möglichst alle) zu kennen oder bestimmen zu können. Übersieht man einen wichtigen Faktor, führt das unter Umständen zu einer nicht optimalen Entscheidung. Die zweite Hürde ist, die Kriterien für jede Variante objektiv zu bestimmen und vielleicht sogar zu gewichten. Ist ein niedriger Preis das Wichtigste oder geht es mir vor allem um eine Zeitersparnis, die beim teureren Produkt vielleicht größer ist? Ist die neue Arbeitsstelle mit besseren Aufstiegschancen verbunden, die mir im derzeitigen, sicheren Job fehlen?

Bestimmte Entscheidungen sind es sicher wert, diesen Aufwand zu betreiben. Und mit einer ausreichenden Expertise, genügend Erfahrung und Zeit ist das dann auch zu bewältigen.

Und wie steht es mit der Situation im Restaurant? Wenn ich mir die obigen 7 Punkte (und es gibt vielleicht sogar noch ein paar mehr) so ansehe, klingt es nach einer ziemlichen Herausforderung, das alles zu bedenken, gegeneinander abzuwägen und zu einer Entscheidung zu kommen. Und dann ist da noch die Frage: Ist es das auch wert? Sind die Konsequenzen meines Entschlusses so weitreichend, dass ich eine nicht-optimale Wahl später bereue?

Tsunetomo Yamamoto zitiert in seinem „Hagakure: Der Weg des Samurai“ (S. 53) ein altes Sprichwort: „Denke scharf nach und entscheide innerhalb von sieben Atemzügen“. Weiter steht dort: „Langes Überlegen stumpft den scharfen Rand einer Entscheidung ab.“

Über die Allgemeingültigkeit solcher Weisheiten kann man geteilter Meinung sein. Bei wichtigen Entscheidungen schlafe ich gern eine Nacht darüber, tausche mich auch mit anderen aus, denn sinnvolle Diskussionen lassen sich allein nicht führen. Wichtige Entscheidungen betreffen den weiteren Lebensweg, die Gesundheit, Geld in größeren Summen.

Für das Restaurantproblem (und einige andere Angelegenheiten) habe ich irgendwann beschlossen, dass es keinen großen Zeit- und Denkaufwand wert ist. Meist stelle ich mir die ersten beiden der oben genannten Fragen, bleibt dann immer noch mehr als eine Option übrig, werfe ich eine imaginäre Münze.

So bleibt der Kopf frei von unnötigem Ballast. Und ich beobachte weitere angenehme Nebeneffekte: Eine höhere Entschlussfreudigkeit bei kleinen Sachen führt zu einer Art Gewöhnung an diesen beschleunigten Prozess der Entscheidungsfindung. Es fällt mir inzwischen leichter, auch größere Dinge schneller und besser zu bewerten und mit mehr Selbstvertrauen eine Auswahl zu treffen.

Jede Wahl erfordert von mir eine Entscheidung, aber nicht jede Wahl ist auch entscheidend.